Michel, Babette:
Diplomarbeit: Die Entwicklung der Terminologie des Swahili im Bereich der Literaturtheorie in Tansania.

Karl-Marx-Universität Leipzig, Afrika-/Nahostwissenschaften 1987

90 Seiten

Gutachter: Doz. Dr. sc. K. Legère


(Auszug aus den Thesen)

Der Aufschwung der swahilisprachigen Literatur seit der Mitte des 20. Jahrhunderts und die Herausbildung literaturwissenschaftlicher Positionen in Tansania, deren Diskussionen besonders seit den siebziger Jahren vor allem in Swahili geführt werden, machten die Formierung einer wissenschaftlich fundierten literaturtheoretischen Terminologie des Swahili notwendig. Dabei sollen allgemeine Begriffe der Literaturtheorie sowie eigene literaturtheoretische Beiträge zur Spezifik tansanischer Literatur terminologisch widergespiegelt werden.

Dem soll durch eine Vielzahl von Neologismen entsprochen werden. Diese entstehen durch Bildung von Neubedeutungen (16%) bereits vorhandener Begriffe aus dem Alltag, durch Neuprägungen (64%) und Übernahme von Neuwörtern (20%).

Der hohe Anteil der Neuprägungen an den Neologismen sowie die Bildung zahlreicher Neubedeutungen eigensprachlicher Lexik spiegeln die Fähigkeit des Swahili wider, vor allem mit eigenen sprachlichen Mitteln komplizierte wissenschaftliche Sachverhalte terminologisch adäquat zu erfassen.
Mehr als die Hälfte der über 400 untersuchten Neologismen entstanden durch Neuprägungen, die damit die am meisten genutzte Möglichkeit der Bildung neuer Termini darstellen. Dabei sind Suffigierungen und Präfigierungen, Genitivverbindungen sowie Komposita (die z.T. aus attributiven Verbindungen hervorgegangen sind) besonders produktiv. Relativ selten wurde im Vergleich dazu auf Lehnübersetzungen, Relativkonstruktionen, Wortgruppenbildung, Verdopplung, Konstruktionen mit dem Stamm „–enye“ und Verbalkonstruktionen zurückgegriffen.

Etwa ein Fünftel der untersuchten Neologismen sind Neuwörter (Fremd- und Lehnwörter). Dabei ist der Anteil der arabischen Lehnwörter an den Neuwörtern außerordentlich hoch, da Lehnwörter aus dem Englischen und aus anderen Bantusprachen sowie Internationalismen kaum eine Rolle spielen.

Entsprechend dem geringen Reifegrad der Literaturwissenschaft in Tansania kommt es bei der Definition literaturwissenschaftlicher Begriffe und deren terminologischer Erfassung zu einer Reihe von Problemdiskussionen. Unklarheiten und z.T. unwissenschaftliches Vorgehen bei der Definierung dieser Begriffe sowie individuell geprägte Nutzung von Termini führen zu einem hohen Gehalt an Homonymie, Polysemie und Synonymie. Dadurch genügt die Terminologie des Swahili den gestiegenen Anforderungen der wissenschaftlichen Kommunikation auf dem Gebiet der Literaturtheorie noch nicht in jedem Fall.

Die dank der Tätigkeit der Sprachnormierungsinstitutionen in Tansania geschaffene Swahili-Terminologie des Bereichs Literaturtheorie bedarf der verstärkten Überführung in die Sprachpraxis. Die Verwendung des Swahili als Fachsprache in diesem Funktionalbereich wird seinen Charakter als nationale Literatursprache festigen.